DIE 3 HERRMANNS STELLEN SICH VOR


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Meine Omi Teil 2

Back to the Roots > Familie KLAPPER MARONNA ROSSA NIEGEL NAWRATH






Diese Fotos sind am ersten Geburtstag von meiner Tochter Nicole entstanden.
Das war am 07. Februar 1983.





Erinnern kann ich mich auch noch sehr gut, dass meine Omi uns immer mit dem Fahrrad besuchen kam.
Ganz nebenbei, wenn das Fahrrad mal kaputt war, sie
todunglücklich, schob sie ihren Drahtesel nach Kiel-Ellerbek,
in das Fahrradgeschäft: RAMM



Anfangs wohnten wir noch in Kiel, in der Hasselmannstr.
Leider kann ich mich da kaum noch dran erinnern, wie oft sie uns besucht hat. Ich weiß nur ganz genau, am Heilig Abend, wenn wir Mittag gegessen hatten, mußten wir drei, meine große Schwester Monika, mein Bruder Wolfgang und ich, in warme Klamotten schlüpfen und ab ging es, zunächst mit dem Bus zum Hauptbahnhof, dann weiter mit der Straßenbahn Linie 4, bis zu meiner Omi, die in Kiel-Gaarden, in v.d.Groebenstr. 21 wohnte.
Sie holte uns immer an der Haltestelle Elisabethstraße ab.




Man muß bedenken, wir waren im Alter zwischen 11 und 5 Jahren. Ganz allein mit Bus und Straßenbahn, weil wir kein Auto hatten.
Wenn wir dann bei der Omi in Gaarden waren, haben wir immer
“Wir warten auf’s Christkind”
im Fernsehen angeschaut. Später dann, ich weiß die Uhrzeit nicht,
liefen wir zu viert wieder zur Straßenbahnhaltestelle Elisabethstraße und fuhren nach Kiel, zur Hasselmannstraße zurück.

Gut und schön, aber meine Oma war wohl Weihnachten immer so aufgeregt, so neugierig, dass sie grundsätzlich mit uns Kindern zu früh am Ort der Bescherung eintraf.Meinen Eltern gegenüber redete sie sich dann immer `raus:
“Sie haben so gedrängelt, sie wollten los, ich konnte sie nicht mehr halten!”

Da waren wir dann.
Man muß bedenken, wir hatten in Kiel, Hasselmannstr. 5,
für 5 Personen eine 2 Zimmerwohnung, Küche, Bad
(mit Badewanne - Luxus!)
in der also für “geheime Weihnachts-Machenschaften”, sprich:
Tannenbaum schmücken, Geschenke verpacken, die letzten Handgriffe an den selbst genähten Puppenkleidern, usw.,
kein Raum war.
Ich erinnere mich nur vom Erzählen, dass meine Mutter immer sauer war und mit den Augen gerollt hat, weil wir viel zu früh wieder da waren. Abgemacht war wohl ein späterer Zeitpunkt.

Weihnachten war meine Omi immer an Heilig Abend und am 1. Feiertag bei uns. Ich fand das klasse. Meine Mutter war da nicht immer der Meinung, dass das gut ist. Aber, meine Omi hatte ja sonst niemanden. Und Weihnachten allein sein...

Doch, es gab noch einen Stiefbruder zu meiner Omi,
Kurt Walter Hartmann,
der mit seiner Familie in Ellerbek wohnte.
Aber die Geschwisterliebe
hielt sich in Grenzen. Man sah sich wohl von Zeit zu Zeit, war aber auch froh, danach wieder getrennte Wege zu gehen.

Zurück zu meiner kleinen Chronik.

Mein Vater baute uns in Klausdorf/Schwentine (heute Schwentinetal) ein Häuschen. Das konnte er aber nur, weil meine Omi
ihr gesamtes Geld immer gespart hatte, sich selbst nie etwas gegönnt hatte und es dann ihrem einzigen Sohn schenkte, damit er das Haus bezahlen konnte. Er hat es fast ausschließlich in Eigenleistung mit vielen Freunden und Kollegen gebaut.
3 Jahre hat es gedauert.


Mein Bruder Wolfgang, meine Schwester Monika
und ich, während der Bauphase unseres Hauses
in Klausdorf/Schwentine



Manchmal war das schon ziemlich peinlich, wie geizig sie mit sich selbst umging. Sie kaufte sich zum Beispiel immer Joghurt, der abgelaufen war. Na gut, das wäre noch nicht so schlimm, aber ihr Joghurt, den sie nach dem Einkaufen zunächst im Kühlschrank “bunkerte”, setze so langsam eine pelzige Schimmelschicht an....
die wurde dann mit dem Löffelchen geringfügig abgeschöpft.
Ja nichts umkommen lassen...
Doch das nur so am Rande. Ich denke, dieses Verhalten ist einfach auf die Kriegszeit zurück zu führen.



Als wir in unser Häuschen eingezogen waren, kam auch hier
meine Omi immer mit dem Fahrrad aus Gaarden zu Besuch.

Erinnern kann ich mich an die leckeren “Rum-Türme”, die sie
immer vom Bäcker mitgebracht hat.
Große, dicke, mit viel Schokolade überzogene, Zipfel, die eigentlich vom gleichen Teig sind wie die Rumkugeln, die man heute kennt. Also, man kann sich vorstellen, der ganze, leckere “Spaß” war sehr, sehr fett und mächtig.

Aber sooo lecker!!!

Ich kam vom Kinderturnen, es war dienstags, und schon auf dem Heimweg freute ich mich: Wenn ich daheim bin, dann ist Omi da, und die hat ganz sicher wieder
“Rum-Türme”
mitgebracht!

Was ich nicht so toll fand, wenn sie mit ihrem Fahrrad direkt von der Arbeit zu uns fuhr, sie sparte sich dann natürlich einen weiten Weg, aber
dann roch sie immer sooo sehr nach Fisch.
Warum?
Nun ja, sie arbeitete
“in die Fisch”, oder auch “bei die Fisch”
So sagte sie das immer.

Auf dem Seefischmarkt bei der Firma

“Füngers”

(Ich nehme an, die Firma gibt es in Kiel nicht mehr.)

Dort mußte sie Rollmöpse mit Gurken und Zwiebeln zusammendrehen und in die Gläser stopfen.
Die bekannten Rollmöpse im Glas.
Klar, wenn sie welche mitbrachte, war das ein schönes Abendessen, aber sie roch sooo sehr nach diesen Fischen und dem Essig-Sud, der in das Glas gegossen wurde. Oder auch Bratheringe, die man ja auch im Glas kaufen kann.
Lecker war das....
aber dieser Gestank !!!

Man kann sagen, ihre Hobbies waren:

Schwimmen, Radfahren, Kreuzworträtsel
und eigentlich auch Kochen.

Wobei sie für sich allein nie große Menüs zauberte,
aber ihr Milchreis, den wir immer am Strand in Möltenort aßen, der war weltklasse!!!
Einen großen Topf voll mit Milchreis, der schön aufgeschlagen, durch viel Eiweiß, ganz locker war, Zimt und Zucker-Gemisch
und 5 Löffel, alles hatte sie auf dem Fahrrad dabei, wenn meine Geschwister und ich mit ihr nach
Möltenort an den Strand fuhren. Alle mit dem Fahrrad.
Alle?
Nein, ich nicht!


So, oder so ähnlich muß ihr Fahrrad ausgesehen haben,
nicht schick und nicht "Der Neuste Schrei", aber
stabil und praktisch!




Jedenfalls am Anfang nicht. Ich war noch zu klein, und ausserdem hatte ich noch kein eigenes Rad. Ich durfte dann (zu allem anderen Gepäck auch noch), bei Omi auf dem Fahrrad in einem Kindersitz (der nicht so gesichert war, wie es heute Pflicht ist, es war mehr so eine Halbschale) mitfahren.
Meine kleinen Füße mußten immer schön auf den extra befestigten Fußrasten, die am Vorderrad ihren Platz fanden, stehen bleiben. (Ich glaube, am Liebsten hätte man meine kleinen Füße darauf festgeschnallt. Mir klingt es noch im Ohr:
Lass schön deine Füße auf den Fußrasten!!!

Man muß wissen, sie hatte also den großen Topf, mit dem Milchreis, die Löffel, das Zimt-/Zuckergemisch, eine Wolldecke, Handtücher, ihren Badeanzug, nicht zu vergessen die weiße Badkappe, unter dem Kinn eine Lasche zum Zuknöpfen, und zu guter Letzt noch eine Luftmatratze dabei. Ja, alles auf dem Fahrrad transportiert!
Wie das ging? Weiß ich nicht. Aber es funktionierte!
Bleibt noch zu erwähnen:

Einen Blasebalg um die Luftmatratze aufzublasen, hatte sie nicht dabei, man soll es nicht glauben, aber dafür war dann wohl doch kein Platz mehr! Die Luftmatratze wurde gleich nach dem Eintreffen am Strand mit dem Mund aufgeblasen....
Man stelle sich jetzt bitte das hochrote Gesicht vor, vom anstrengenden Radeln, mit mir auf dem Kindersitz, von der Hitze und jetzt auch noch vom Aufblasen der Matratze.

Da fällt mir ein, Sonnenmilch, oder ähnliche Kosmetikartikel benötigte meine Omi nicht. Nein!

Sie schwor auf

Nivea-Creme


Sie wohnte nun also in

“von der Groebenstr. 21”

in Kiel Gaarden.
Direkt gegenüber ihrem Wohnblock liegt das Freibad

“Katzheide”

Das war ihre Welt. Sie ging jeden Morgen, noch bevor die Schulklassen zum Schwimmunterricht kamen, nur mit Badeanzug, Badekappe (die sie sogar meistens schon auf dem Kopf hatte und die Seitenteile, damit die Ohren frei blieben, hochgeklappt, trug), ihren Holz-Klapperlatschen und einem Badmantel bekleidet, schlurfend über die Straße.
Man kannte sie schon im Freibad. Sie hatte schließlich eine
Jahreskarte!
Im großen Schwimmerbecken zog sie ihre Runden. Natürlich waren dort viele ältere Menschen, Rentner eben.
Das “Training” absolvierte sie gut eine Stunde, dann raus, aus dem Wasser, duschen und wieder nach Hause.
Dort gab es dann Kaffee und Haferflocken mit Milch.
Wir waren als Kinder viel bei Omi, weil man ja so schön in das Freibad gehen konnte. Es gab in diesem Freibad leckere Naschereien:

Dauerlutscher, weiße Mäuse, Leckmuscheln, Brausepulver, Lakritzstangen, die waren mit Salmiak-Pulver gefüllt und sahen aus wie ein Strohalm, und natürlich Eis in sämtlichen Formen.

Allerdings muß man sagen, die Omi war mit Naschkram nicht so spendabel. Sie nahm lieber Obst mit und auch Brause zum Trinken. Kekse gab es und Zwieback. Sachen, die satt machen.
Man mußte sich schon selbst ein paar Groschen Taschengeld mitbringen, wenn man in den Genuß der Süßigkeiten im Freibad kommen wollte.

Sie lebte eben gesund!!!

Ich habe häufig und gern bei ihr in der von-der-Groebenstraße 21 geschlafen. Naja, das ist wohl normal, denn bei einer Omi darf man als Kind ja mehr als bei den Eltern.
Allerdings, am Abend lange aufbleiben und Fernsehen
schauen... nein, das gab es nicht. Früh ins Bett,
ich schlief dann immer auf einer Luftmatratze auf dem Fußboden, sie hatte nur eine ganz kleine 1-Zimmer-Wohnung, aber sehr früh wieder aufstehen.
Dann, wie gesagt, zum Schwimmen gehen, das war natürlich klasse. Später gingen wir einkaufen oder einfach mal bummeln. Ich kann mich erinnern, dass ich eine weiße Strickjacke in mein kleines Kinderherz geschlossen hatte. Der Versuch, diese Jacke “ergattern” zu können, war schwierig. Sie war meiner Omi wohl zu teuer.
Aber als Kind ist man ja nicht dumm, man geht immer und immer wieder zu dem Kleiderständer, an dem die Jacke hing, faßte sie an, ein Blick zur Omi, etwa wie ein Dackel, der etwas angestellt hatte und hielt diese “wunderschöne Strickjacke” an die Wange:
“Omi, fühl mal, die ist sooo weich und sieht sooo schön aus!”
Das Ende ist klar, oder?

Meine Mutter war aber wenig begeistert, denn es war ja eine schneeweiße Jacke und ich höchstens 7 Jahre alt. Man muß wissen, ich war immer eher ein Jungs-Typ. Spielte nicht so gern wie kleine Mädchen, sondern kletterte im Garten auf die Bäume, spielte im Matsch und machte sonst Sachen, die eigentlich eher Jungs anstellen.

Zurück zu meiner Oma: Am liebsten aß sie Äpfel. Diese Äpfel wurden aber nicht etwa wie gewöhnlich gegessen, nein, man mußte den Apfel mit einem Kartoffelschälmesser von der Schale befreien, dann halbieren, vierteln, dann das Kerngehäuse heraus schneiden.
Man könnte meinen, jetzt sei der Apfel mundgerecht seziert....
Denkste!
Das Essen eines ganz gewöhnlichen Apfels, bedurfte einer
ausgeklügelten Taktik:

Man muß ein Kartoffelschälmesser in die rechte Hand,
den Apfel in die Linke nehmen.
Mit dem Messer immer kleine, etwa walnußgroße Stückchen vom Apfelschiffchen abschneiden und mit dem Kartoffelschälmesser und dem Daumen zusammen zum Mund führen und mit der Oberlippe das kleine Apfelschnittchen in den Mund ziehen.

Kompliziert?

Nein, als kleines Kind habe ich sie dabei immer haargenau beobachtet, weil es mir doch verboten war, ein Messer überhaupt an den Mund zu nehmen.
Meine Omi tat aber genau das! Es konnte also gar nicht sooo gefährlich sein, denn meine Omi ist doch so schließlich schon
“ur-alt” geworden.

Also gut, sie hatte später dann natürlich schon eine Zahnprothese, Vollprothese. Nicht schlimm, sie war ja eine Omi!
Auch eine Brille zum Lesen, ja, aber nur zum Lesen. Darauf legte “man” wert, denn Menschen die im Alter immer eine Brille tragen müssen, die sind ja ALT. Wenn man sie nur zum Lesen benötigt, dann ist man noch nicht so alt. So war das!
Dann hatte sie auch ein Hörgerät.
OK, auch nicht schlimm, nein.
Aber schlimm war es, dass sie mit diesem Hörgerät ständig
“herumgespielt” hat. Aus lauter Geiz hat sie das Gerät nämlich immer abgeschaltet, weil sie der Meinung war:
Wenn nichts zu hören ist, dann verbraucht das Gerät nur unnötig viel Batterie. Die waren sicher teuer, ja, aber was hatte diese alte Dame denn sonst noch. Naja, auch diese übertriebene Sparsamkeit kam sicherlich aus den Kriegszeiten.

Übrigens wurde auch
“gute Butter”
gehortet, nein, regelrecht gebunkert.
Jeder, ob er es wollte oder nicht, bekam Butter. Nein, nicht einfach nur so dahin gesagt: Butter.
Es war GUTE Butter. Ich kenne bis heute den Unterschied zwischen Butter und GUTER Butter nicht.

Ist mir ein Rätsel.

Übrigens Butter....
Sie war eine passionierte

BUTTER-TOUR-FAHRERIN.


Was das ist? Ja, als man noch von Laboe, oder Möltenort, evtl. sogar vom Kieler Hafen aus, mit einem kleinen Schiff, hinaus auf die Ostsee fuhr, über die bekannte 3-Meilen-Zone hinaus, da konnte man zollfreie Ware einkaufen.
Da gab es eben die “gute” Butter, dänische Butter.
(War das vielleicht die “Gute”, eben die dänische? Kann sein!)
Ausserdem gab es an Bord:
Alkohol, Zigaretten, Parfum, Lakritz, Schokolade und anderes Zeug mehr.
Sie brachte uns oft Zigaretten mit. Sie konnte sich nur nicht merken wie diese Zigaretten heissen sollten:
Mallolo...Malo...Mollool...
“Nein, OMI, – Malboro, ganz einfach! Malboro!”
Naja, es kamen dann nicht immer Malboro bei uns an, sie brachte auch HB, Stuyvesant, oder ähnliches “Kraut” an. Egal, sie hatte es ja gut gemeint.
Auch Whisky schleppte sie an. Sie hatte da ihre eigene Taktik:
Wenn man bei ihr Sachen von Bord bestellt hatte, dann mußte man das bezahlen. Hatte man nichts bestellt und sie hatte aber doch dies und das gekauft, dann hat sie es an uns verschenkt.
Das war die Omi-Mitbring-Taktik.
Sie meinte, sie spart ja, wenn sie an Bord weniger bezahlt, als daheim im Supermarkt. Klar, aber wenn sie gar nichts gekauft hätte, na, dann hätte sie doch noch mehr gespart, aber dann wäre
ihre Schiffstour ja sinnlos gewesen.
Man mußte übrigens für die “Butterfahrten” (so hiessen die wirklich), nur eine symbolische D-Mark bezahlen.
Ich nehme an, das mußte aus steuertaktischen Gründen so sein.
Heute gibt es diese Fahrten nicht mehr.

So, ihre Enkelkinder wurden größer und meine Omi demnach nicht jünger.
Ihr sehnlichster Wunsch war es, einmal mit einem
Flugzeug fliegen.
Mein Vater überlegte sich zusammen mit meiner Mutter, man könne ja eine Woche, über Silvester mit der Omi einen
Flugurlaub machen.
Wohin?

Mallorca!
Das war nicht so weit, und meine Omi war begeistert. Sie hatte
sich dann ausgedacht, meine Eltern bekamen zu ihren Urlaubskosten von ihr Geld dazu, und mir bezahlte sie den Urlaub ganz! Ich war gerade in der Lehre zur Zahnarzthelferin und hätte mir so einen Urlaub nicht leisten können. So übernahm sie die Kosten. Das war mein Weihnachtsgeschenk von ihr an mich.
Meine Geschwister bekamen die gleiche Summe, die meine Fahrt kosten sollte, von ihr ausbezahlt. Eben auch als Weihnachtsgeschenk.

Nun gut, wir mußten ab Hannover fliegen, denn ab Hamburg war es erstens teurer und zweitens sowieso schon ausgebucht.
So fuhren wir gemütlich einen Tag vor Abflug mit dem Zug nach Hannover. Hatten dort ein Hotel am Bahnhof gebucht und mußten am nächsten Morgen sehr früh aufstehen, denn der Flug nach Mallorca ging schon ca. um 7 Uhr.
Die Nacht in diesem Hotel war eine Katastrophe!
Wir hatten zwei Doppelzimmer gebucht.
Ich hatte mit ihr zusammen ein Zimmer. Das war ein Erlebnis!

Sie “hörte”, wohlgemerkt OHNE Hörgerät im Ohr, plötzlich, mitten in der Nacht, dass das Zimmertelefon klingelt.
(Es hatte aber nicht geklingelt!!!)
Nun war das so geschaltet, dass, wenn man den Hörer abnahm, sich sofort der Nachtportier meldete. Sie, weil sie nichts hören konnte, ohne das Hörgerät, rief immer in den Hörer hinein:
“Ja?” “Ja?” “Hallo?”

Legte auf und brummelte etwas von:
“Da war keiner dran!”
Da war aber sehrwohl einer dran, denn ich konnte den Portier hören. Der fragte sie nämlich, was sie wünsche?
Da sie aber aufgelegt hatte, konnte der nette
Herr nichts für sie tun.
Man könnte denken: Na, das war’s wohl?
Aber nein, das war es noch nicht.

Meine Omi hatte nämlich den Hörer nicht wieder richtig auf das Telefon gelegt. So blieb die Verbindung zum Portier bestehen.
Ich hörte den Mann immer in den Hörer rufen: “Ja?” “Hallo?”
“Sie müssen den Hörer richtig auflegen, bei mir hier unten
klingelt es in einer Tour.”
Meine Omi schnarchte aber längst wieder.

Mir war das unheimlich. Dieser Mann, der immer in den Hörer rief.... Das klang wie in einem Hitchcock-Film.
Plötzlich hörte er auf zu rufen. Ich war schon erleichert.
Aber mit einem Mal polterte und
rummelte es an unserer Zimmertür.
Der wütende Portier
rief auf dem Flur draußen, dass das bestimmt alle anderen Gäste auch hören konnten:
“Hallo, Sie! Legen sie mal den Hörer wieder richtig auf
das Telefon!”
Meine Omi sprang aus dem Bett, rumpelte im Dunkeln an die Tür, öffnete und schrie (weil sie selbst ja schwerhörig war):
“Was?” “Was ist los?”
Der Mann wurde noch lauter:
“Legen sie endlich den Hörer wieder auf das Telefon, bei mir klingelt es in einer Tour in der Reception!”
Sie war ganz verdattert. “Was?” “Ja, ach so. Ja, mach‘ ich.”
Das muß dann wohl schon so um 4 Uhr in der Früh gewesen sein.
Man könnte meinen:
ENDLICH können wir BEIDE jetzt schlafen....
Aber an schlafen war nicht mehr zu denken.
Ich konnte jedenfalls nicht einschlafen, denn meine Omi hat den gesamten Wald um Hannover herum in dieser
“Nachtschicht” gerodet!
Sie schnarchte, was das Zeug hielt.

Am Morgen fragte mein Vater mich: “Was war denn bei euch los? Das halbe Hotel ist ja wach geworden!”
Er lachte sich kaputt, als ich ihm das erzählte.
Meine Bedingung für den gerade erst begonnen Urlaub war:
Ich schlafe mit Omi NICHT in einem Zimmer! Die schnarcht so laut, das ist nicht zum Aushalten.
So mußte dann mein Vater bei seiner Mutter schlafen und ich bei meiner Mutter. Das war gut so, denn mein Vater konnte seiner Mutter so in den zukünftigen Nächten beim Sägen helfen!!!


Sie schnarchten im Duett!!!





1982 wurde meine Omi zum ersten Mal:

Ur-Omi

Ich bekam mein erstes Kind, meine Tochter Nicole.

Omi Klapper’s 78. Geburtstag
im November 1982


Sie war ganz begeistert von diesem kleinen Menschenkind und war wirklich eine ganz, ganz liebe Ur-Omi.






1984 wurde sie zum zweiten Mal Ur-Omi.
Mein zweites Kind
Michael wurde geboren.
Jetzt hatte sie ja schon Übung.
Spielte mit den Kleinen, knuddelte und war wirklich
sehr, sehr lieb mit den Kids.


Meine kleine Familie zog nach Meldorf, an die Nordsee, in Schleswig-Holstein.

Omi besuchte uns gern und auch oft. Leider war es mit ihrer Gesundheit nicht mehr so weit her.
Allerdings hat man zu der Zeit noch nicht so richtig etwas mit dem Wort, mit der Krankheit, Alzheimer anfangen.
Erforscht ist es bis heute ja noch nicht so richtig.
Ausserdem waren wir doch weit weg von ihr, denn unser Leben spielte sich schließlich an der Nordsee ab.
Früher hat man sich gewundert, ja fast geärgert, wenn ältere Menschen so vergesslich wurden. Man sagte immer ein wenig abwertend und fast bösartig, sie sei senil. Dieses Wort ist nicht schön.
Heute weiß man, diese Menschen sind sehr krank, und es gibt auch noch kein Heilmittel gegen diese Krankheit.

Mein Bruder Wolfgang besuchte meine Omi oft. Er hatte ein Auto und schaute immer nach dem Rechten. Er merkte schon, dass sie so wahnsinnig vergesslich ist. Aber man hat sich nichts dabei gedacht. Sie legte Geld in die saubere Wäsche, in den Kleiderschrank-
schrank. Beschimpfte Wolfgang, obwohl er gerade am Tag zuvor bei ihr war, er sei ja schon monatelang nicht mehr bei ihr gewesen, und kannte auch die Familie gar nicht mehr richtig.
Aber wie gesagt, man dachte sich nichts dabei.
Sie wurde halt senil.

Als sie uns in Meldorf wieder einmal besuchen kam, hatte sie zwar einen normalen Koffer dabei, aber als ich den mit ihr zusammen auspacken wollte, kam nur eine einzige
große Wolldecke zum Vorschein.
Mehr nicht!
Keine Wäsche, kein Waschzeug. Nichts! Nur diese Wolldecke.
Ich fand das komisch und wußte doch nicht, was ich tun
sollte/mußte.

Sie benahm sich aber zeitweilig doch wieder “normal”. Also versuchte man nicht darüber nachzudenken. Nein, man konnte nicht darüber nachdenken, denn man wußte nichts von dieser Krankheit!

An einem Morgen in Meldorf wollte sie meinen Sohn, den Michael, mit der Kinderkarre ein bisschen spazieren fahren.
Warum nicht? Sie kam raus, der Junge kam raus, und ich konnte Mittag kochen.
Sie stiefelte los. Aber es dauerte schon sehr lange, sie kam gar nicht zurück. Ihr war doch nichts passiert? Mein damaliger Ehemann kam von der Schule und schaute ziemlich entsetzt. Wo können die zwei denn sein?
Es klingelte, und eine Frau mit einem VW-Bus stand vor der Tür. Hinter ihr meine Omi mit der Kinderkarre und dem Michael.
Was war passiert?
Sie hatte sich verlaufen. Wußte nicht mehr ,wie sie wieder zu uns finden sollte, kannte sich gar nicht mehr aus.
Mir lief es eiskalt über den Rücken.
Die Frau war aus dem Nachbardorf, gute 10 km von uns weg. Meine Oma lief dort im Dorf herum und machte einen verwirten Eindruck. Diese Frau nahm sich ihrer an, und wir hatten Glück, dass sie meinen Ex-Ehemann, weil der in Meldorf Lehrer ist, kannte und auch wußte, wo wir wohnen.

Das war eine Aufregung, und ich hab‘ sie auch nie mehr allein aus dem Haus gelassen.





Es kam die Zeit, da kannte sie niemanden aus der Familie mehr.
Sie war sehr verwundert, das ich verheiratet sei, ach und sogar Kinder hat sie, waren ihre Überlegungen.
Die schlimme Krankheit schlich sich immer weiter in ihr Leben und in unseres natürlich auch.

Ihr Halbbruder, Kurt Hartmann, hat sich dann um sie gekümmert. Brachte sie, nachdem sie zwei- bis dreimal von der Polizei
nach haus gefahren werden mußte, weil sie sich in Kiel-Gaarden verlaufen hatte, in ein Heim.
Noch keine geschlossene Einrichtung. Aber dort konnte sie auch nicht bleiben, weil sie sich auch von dort immer wieder “aus dem Staub machte”.
Sie fuhr einfach mit den verschiedenen Stadtbussen kreuz und quer durch ganz Kiel. Fand nicht wieder in das Heim und mußte auch wieder von der Polizei in das Heim gebracht werden.

So ging es nicht weiter. Das Heim weigerte sich, sie weiter dort wohnen zu lassen. Das wurde zu gefährlich.
Ihr Halbbruder hat dann dafür gesorgt, dass sie einen Pflegeplatz in einer
geschlossenen Einrichtung bekam.
Sie wurde nach
Heiligenhafen/Schleswig-Holstein gebracht.

Dort ist sie dann am

21.04.1997

gestorben.




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